Der britische Trump: Fährt Boris Johnson den Brexit vor die Wand?

30.07.2019 - 8 Minuten Lesezeit

Schon seit mehreren Wochen hatte es sich abgezeichnet, dass Boris Johnson der neue britische Premierminister werden wird. Als Johnson dann in der vergangenen Woche aber tatsächlich gewählt wurde, war die Aufregung in den Medien dennoch sehr groß. Insgesamt sind durch die Wahl von Johnson die Chancen auf einen harten Brexit weiter gestiegen. Für den Anleger und Trader ist dabei vor allem auch der Kursverfall des britischen Pfunds (GBP) interessant. Im Folgenden werden wir uns daher mit der Frage beschäftigen, ob der Brexit für Großbritannien tatsächlich so verheerend sein wird, wie es vor allem von den Medien und der Politik hierzulande dargestellt wird. Oder wird sich Deutschland in zehn Jahren sogar wünschen, selbst aus der EU ausgetreten zu sein?

Gemeinsamkeiten zwischen Donald Trump und Boris Johnson

Insgesamt ist es nicht verwunderlich, dass die Wahl von Boris Johnson zu sehr kontroversen Reaktionen geführt hat. Denn nicht nur äußerlich erinnert einen der Politiker sehr stark an den amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Auch die Rhetorik, die Aggressivität und das schwierige Verhältnis zur Wahrheit ist den beiden Staatschefs gemein. So hatte Johnson wiederholt und wissentlich falsche Angaben darüber gemacht, wie viel Geld Großbritannien im Rahmen seiner Mitgliedschaft an die EU bezahlen muss.

Aus diesem Grund musste sich der britischen Premierminister sogar vor Gericht (Amtsgericht von Westminster) verantworten. Geschadet hat ihm dies allerdings nicht. Auch bei Donald Trump hat man den Eindruck, dass er sich alles erlauben kann und dass für ihn keinerlei Regeln gelten. Dazu passt auch, dass Boris Johnson der EU schon mehrfach damit gedroht hat, dass das Land seinen Verpflichtungen nicht nachkommen werden, falls das Land keinen besseren „Deal“ erhalte. Auf der anderen Seite versucht die Europäische Union, an Großbritannien ein Exempel zu statuieren. Damit soll verhindert werden, dass weitere Länder aus der EU austreten.

Großbritannien setzt auf den Freihandel

In einem sehr wichtigen Punkt unterscheidet sich allerdings die Politik von den USA und Großbritannien: So versucht Donald Trump mit aller Macht, den weltweiten Handel einzudämmen. Am liebsten hätte er wahrscheinlich, dass alle Produkte in Zukunft nur noch in den Vereinigten Staaten selbst produziert werden, ganz nach dem Motto „America First“. In Großbritannien ist man dagegen schlauer und weiß, dass der Handel zwischen den Ländern im Endeffekt dazu führt, dass der Wohlstand insgesamt ansteigt. Aus diesem Grund sind die Briten auch sehr daran interessiert, neue Handelsverträge abzuschließen.

Dies gilt umso mehr, als dass es unter Boris Johnson als Premierminister aller Voraussicht nach zu einem harten Brexit kommen wird. Dies bedeutet vor allem, dass Großbritannien den Zugang zu seinem wichtigsten Absatzmarkt – der EU - verlieren wird. Dies wird auch Länder wie Deutschland hat treffen, denn nach wie vor handelt es sich bei Großbritannien um einen der wichtigsten Absatzmärkte für deutsche Autos. Viele Briten haben daher die Idee, das ehemaligen Commonwealth wiederzubeleben: Englischsprachige Länder wie die USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Großbritannien könnten ihre Handelsbeziehungen stark vertiefen.

Zwar ist Donald Trump, wie bereits erwähnt, eigentlich gegen den Freihandel. Allerdings hat er bereits mehrfach angekündigt, dass er Boris Johnson für einen „guten Typen“ hält und ihn unterstützen wird. Dies ist auch nicht verwunderlich, da sich der neue britische Premierminister und Donald Trump so ähnlich sind. Bis es allerdings zu einer Vertiefung dieser Handelsbeziehungen kommen wird, dürfte einige Zeit vergehen. Aus diesem Grund ist damit zu rechnen, dass sich die Situation für die britische Wirtschaft zunächst weiter verschärfen wird. Dies lässt sich auch sehr gut am Kursverfall der britischen Währung veranschaulichen.

 Britisches Pfund fällt durch drohenden harten Brexit immer weiter

Betrachtet man sich den längerfristigen Chart des Währungspaares Britisches Pfund / US Dollar (GBP / USD), so stellt man Folgendes fest: Im August 2014 erhielt man für ein Pfund Sterling noch über 1,70 US Dollar. In den letzten Jahren hat die britische Währung jedoch massiv an Wert verloren. So erhält man mittlerweile nur noch rund 1,20 US Dollar für ein Pfund Sterling. Als Anleger und Trader bietet sich das Währungspaar GBP / USD daher vor allem für Short Trades an. Je näher der harte Brexit rückt, desto weiter dürfte sich der Druck auf die britische Währung erhöhen. Insgesamt ist es daher im Moment sehr interessant und vor allem auch gewinnbringend, mit dem GBP / USD zu traden.

Die schwache Währung führt dabei dazu, dass Importe teurer werden und es die Briten mehr kostet, im Ausland Urlaub zu machen. Auf der anderen Seite hat eine schwache Währung die Konsequenz, dass sich Exporte verbilligen. Dies wiederum führt dazu, dass die Export Industrie gestärkt wird. Insgesamt ist daher davon auszugehen, dass die britische Regierung auch nach dem Brexit versuchen wird, ihre Währung weiterhin auf einem niedrigen Niveau zu halten bzw. sie noch weiter abzuwerten. Dies kann beispielsweise durch eine Senkung des Leitzinssatzes oder durch finanzpolitische Maßnahmen wie Anleihen Aufkäufe durch die Bank von England erreicht werden. Überhaupt werden der „Kreativität“ der Politik kaum noch Grenzen gesetzt sein, da in Zukunft kein europäisches Recht mehr zu berücksichtigen sein wird.

Wettbewerbsvorteile von Großbritannien

Aber nicht nur durch eine eigenständige Währungspolitik wird Großbritannien versuchen, seine Wettbewerbsvorteile auszubauen. So ist generell damit zu rechnen, dass das Land seine Steuern absenken wird, um damit für Investoren attraktiver zu werden. Außerdem sollte man davon auszugehen, dass es zu einer massiven Deregulierung der Finanzindustrie kommen wird. So handelt es sich bei der City of London nach wie vor um das weltweite Finanzzentrum. Zwar haben einige Banken bereits damit begonnen, aufgrund des Brexits auch Standorte in Paris oder Frankfurt zu eröffnen. Das Gros der Mitarbeiter wird aber aller Voraussicht nach in Großbritannien verbleiben. Daher ist damit zu rechnen, dass London seine Vormachtstellung im Finanzbereich weiter ausbauen wird.

Außerdem sollte man den Sprachvorteil nicht unterschätzen: Für Englisch sprechende Ausländer auf der ganzen Welt ist es einfach, in Großbritannien zu arbeiten. Aus diesem Grund übt das Land nach wie vor eine sehr große Anziehungskraft auf viele Menschen aus. Verstärkt wird dies auch durch das sehr gute Bildungssystem. So zählen private Universitäten wie Oxford oder Cambridge zu den besten Hochschulen der Welt. Insgesamt finden sich unter den 100 weltweit besten Universitäten acht aus Großbritannien (vier aus Deutschland). Dass diese Bildungseinrichtungen dabei nur für die Elite und nicht für die breite Masse zur Verfügung stehen, ist ein anderes Thema. Jedenfalls ist davon auszugehen, dass Großbritannien seinen Wettbewerbsvorteil in Bezug auf die Eliten Bildung auch in Zukunft weiter ausspielen wird.

Aufgrund der hohen Attraktivität für Zuwanderer wird es Großbritannien daher aller Voraussicht nach auch gelingen, dem Fachkräftemangel entgegen zu steuern. So gehen Experten davon aus, dass es im Jahr 2050 mehr Briten als Deutsche geben wird: Die deutsche Bevölkerung wird bis dahin von 82 auf 75 Millionen Menschen geschrumpft sein. Dies wird sich insgesamt sehr negativ auf die deutsche Wirtschaftskraft und den allgemeinen Wohlstand auswirken.

Keine Gängelung mehr durch die EU

Insgesamt dürfte es sich auf die Wirtschaft von Großbritannien positiv auswirken, dass es in Zukunft keine „Gängelung“ mehr durch die EU geben wird. Für die „normale“ Bevölkerung - welche zu einem großen Teil für den Brexit ist… - dürfte sich dies allerdings eher negativ bemerkbar machen: So ist es zum Beispiel um die Arbeitnehmerrechte in Großbritannien seit jeher eher schlecht bestimmt. Vielmehr vertraut man auf der Insel auf die Kräfte des Marktes. Gesamtwirtschaftlich betrachtet dürfte sich diese Einstellung allerdings positiv auswirken: Denn während es der EU vor allem darauf ankommt, bereits vorhandenen Wohlstand umzuverteilen, kann sich Großbritannien darauf konzentrieren, neuen Wohlstand zu schaffen.

Insgesamt konnte man seit jeher eine Zweiteilung der Europäischen Union beobachten: Auf der einen Seite stehen Länder wie Deutschland, Großbritannien und die skandinavischen Länder. Auf der anderen Seite findet man „südliche“ Länder wie Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Diese beiden Gruppen unterscheiden sich sehr stark darin, was die Produktivität und das Verhältnis zu Staatsausgaben und Schulden anbelangt. Durch den Austritt von Großbritannien dürfte es damit Ländern wie Deutschland noch schwerer fallen, sich zum Beispiel gegen Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) zu wehren. Weitere Konflikte sind daher vorprogrammiert und insgesamt scheint fraglich, wie lange die Europäische Union unter diesen Umständen noch durchhalten kann. Überhaupt kann man beobachten, dass sich die EU sehr viel mit sich selbst beschäftigt – Herausforderungen, wie ein immer dominanter auftretendes China, werden dabei nur am Rande wahrgenommen.

Sollte auch Deutschland aus der EU austreten?

Vielleicht werden sich daher manche in zehn oder zwanzig Jahren wünschen, dass auch Deutschland aus der EU ausgetreten wäre. Allerdings hätte Deutschland in diesem Fall keinen Zugang mehr zum europäischen Binnenmarkt. Außerdem ist es fraglich, welches Gewicht ein einzelnes Land im Vergleich zu Wirtschaftsmächten wie den USA und China haben kann. Zwar fällt auch die Europäische Union tendenziell immer weiter zurück, trotzdem repräsentiert sie eine Bevölkerung von über 400 Million und kann sich damit immer noch Gehör verschaffen. Der immer kleiner werden deutschen Bevölkerung dürfte dies zunehmend schwerer fallen.

Insgesamt wird es daher sehr interessant sein, zu beobachten, wie sich Großbritannien und vor allem auch die britische Wirtschaft nach dem Brexit entwickeln werden. Wie bereits erwähnt, macht es im Moment nach wie vor Sinn, auf eine weitere Abwertung der britischen Währung zu setzen. Um den Handel mit dem Währungspaar Britisches Pfund / US Dollar ausprobieren, kann man zum Beispiel ein kostenloses Demokonto bei einem Forex oder CFD Broker eröffnen. Auf einem solchen Konto handelt man mit virtuellem Kapital (häufig 10.000 €) und kann auf diese Weise das Trading ohne Risiko kennen lernen. Einen guten Broker findet man dabei beispielsweise mit Hilfe unseres großen Broker Vergleichs.

Über den Autor

Christian Habeck

Christian Habeck

Nachdem Christian Habeck jahrelang an der Börse handelte, entschied er sich im Laufe der Zeit, das angeeignete Wissen mit seiner Leidenschaft, dem Schreiben, zu verbinden. Als Autor deckt er sämtliche Themen aus dem Finanzbereich und der Wirtschaft ab.

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